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Die Klagen über die Zeit in der klassischen chinesischen Literatur

Updated: Nov 13, 2023

I had much fun writing this German essay, "Die Klagen über die Zeit in der klassischen chinesischen Literatur" ("Complaints about Time in Classical Chinese Literature"), last year and sharing it with the students in my class. I was glad that they found it interesting. :) The beauty of literature can be shared in every language and appreciated by everyone!


Here is the essay I composed:


Das Thema „Zeit“ wird in vielen Kulturen und in der Literatur als kostbar beschrieben, aber seit Tausenden von Jahren beklagen die chinesischen Gelehrten die Zeit sehr oft, wenn sie über sie schreiben. Drei Arten von Klagen sind besonders bemerkenswert und reflektieren die Gedanken und das Verhalten der alten chinesischen Gelehrten.


Konfuzius 孔丘 (551-479 B.C.E.), vielleicht der berühmteste chinesische Gelehrte, sagte in den Analects (Lunyu 論語): „Sonne und Mond entfernen sich; Die Zeit wartet nicht auf mich.“[1] Er klagte, dass die Zeit sich schnell entfernte, weil er nichts erreichen konnte, bevor er alt wurde. Das Land war geteilt und politisch chaotisch, und die Menschen litten unter den Kriegen. Konfuzius hatte viele politische Ansichten und Vorschläge, denen kein König der geteilten Staaten traute. Er wanderte von einem Staat zum anderen und wurde immer frustrierter. Die Zeit wartete nicht auf ihn, also starb er als Gelehrter, nicht als Minister.


Eine andere häufige Klage lautet: „ich bin nicht in der richtigen Zeit geboren.“ Der erste chinesische Historiker, Sima Qian 司馬遷 (145-86 B.C.E.), klagte in seiner Rhapsodie „Ein Klagelied für das unerkannte Talent.“ („Bei shi bu yu fu“ 悲士不遇賦) über die falsche Zeit seiner Geburt. Am Anfang der Arbeit sagte er: „Leider! Ich bin nicht in der richtigen Zeit geboren und kann nur einsam auf meinen Schatten schauen.“[2] Dann erklärte er, warum er sich einsam fühlte. Er hielt sich an die Regeln und legte Wert auf Moral, wenn die Regeln ihn bestraften. Die Zeit war nicht richtig für ihn, weil seine Entscheidung und sein Verhalten in dieser Zeit nicht toleriert wurden. Sima Qian wurde von dem Kaiser kastriert, nachdem er eine falsche politische Entscheidung getroffen hatte. In der modernen Gesellschaft ist das extrem demütigend, im alten China aber noch mehr. Der Historiker brachte sich nicht um, sondern beschlossen, zu leben und zu schreiben. Er hatte keine Ahnung, ob seine Arbeit überleben und gewürdigt werden würde, also war seine Klage über Zeit auch eine Klage über das Schicksal.


Die letzte Klage lautet: „Jetzt ist kein guter Zeitpunkt für mich.“ Xiang Yu 項羽 (232-202 B.C.E.) war ein Warlord, der gegen einen anderen Warlord Liu Bang 劉邦 (256-195 B.C.E.) kämpfte, um das Land zu vereinen und die Macht zu übernehmen. Als er von den Feinden gejagt wurde und den Fluss erreichte, war er mit nur seiner Nebenfrau und seinem Pferd zusammen. Wenn er den Fluss überquert hätte, wäre er zu Hause gewesen, aber er wollte nicht als Verlierer zurückkehren. Deshalb schrieb er das „Lied über Gaixia.“ („Gaixia ge“ 垓下歌): „Meine Kraft ist stark genug, um den Berg zu erheben; aber jetzt ist kein guter Zeitpunkt für mich und mein Pferd läuft nicht mehr. Was kann ich tun, wenn mein Pferd nicht mehr läuft? Yu, was soll ich mit dir tun!?“[3] Nach Xiangs Klage brachte sich Yu, die Nebenfrau, um. Erfolg braucht einen guten Zeitpunkt, und Xiangs Klage über die Zeit war eine Klage über das Scheitern.


In der klassischen chinesischen Literatur war die Zeit kein kurzer Moment, den die Gelehrten genießen konnten. Im Gegenteil, sie war eine lange Zeitspanne, in der man etwas erreichen und erfolgreich werden konnte. Weil die richtigen Zeit für den Erfolg notwendig war, wurde die falsche Zeit zu einer Ausrede für das Scheitern. Die Zeit stand auch für die Gesellschaft, die Menschen und das Universum. Niemand durfte den Kaiser und die Regierung beklagen, also wurde die Zeit das Opfer.


by Shiwei Zhou


[1] 日月逝矣,時不我與。 [2] 悲夫!士生之不辰,愧顧影而獨存。 [3] 力拔山兮氣蓋世。時不利兮騅不逝。騅不逝兮可奈何!虞兮虞兮奈若何!

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